von Maja Blumer, 7. Februar 2026
Der Flughafen Zürich ist für Starlux Airlines (bestenfalls) zweite Wahl
Nicht ganz zufällig wird Prag ab 1. August 2026 – dem schweizerischen Nationalfeiertag – als erste europäische Stadt von der taiwanesischen Fluggesellschaft Starlux Airlines bedient, verfügt damit also dann über zwei Direktflugverbindungen nach Taipei (China Airlines bedient Prag schon seit 2023).
Der Flughafen Zürich hätte schon 1991 die erste Destination einer taiwanesischen Airline – EVA Air – in Europa sein können (Wien machte damals das Rennen) und kam im Dezember 2025 mit London, Milano und Helsinki erneut in die engere Auswahl. Zürich dürfte von den wirtschaftlichen Perspektiven her erneut ganz vorne gelegen haben. Natürlich spricht auch einiges für Prag, etwa die Nähe zu Dresden als «Saxon Silicon Valley» oder die Beliebtheit Tschechiens bei den taiwanesischen Touristen sowie die schon vor langer Zeit geschaffenen Gesetzesgrundlagen für die Flugverbindung.
Gerade bezüglich dem letzten Punkt müsste eigentlich das Gleiche für die Schweiz gelten. In rechtlicher Hinsicht sind Probleme schwer denkbar: Die Flugverbindung Zürich/Genf–Taipei bestand schon ab 7. April 1995 und die für eine Flugverbindunge nötigen bilateralen Vereinbarungen wurden von den schweizerischen und taiwanesischen Behörden schon von 1991 bis 1994 ausgehandelt. Selbst wenn man bei den Verhandlungen ganz von vorne begonnen hätte, wäre zu erwarten gewesen, dass man mit einem erfahrenen Verhandlungspartner wie Taiwan innert wenigen Monaten zu einem für beide Seiten befriedigenden Ergebnis gekommen wäre.
Nachdem das Interesse von Starlux Airlines an der Bedienung von Destinationen in Europa seit Oktober 2024 bekannt war und die Taiwanese Association in Switzerland im Dezember 2024 sogar eine Petition für die Wiederaufnahme der Direktflugverbindung Schweiz–Taiwan lanciert hat, verblieb mehr als genug Zeit für die Behörden, die rechtlichen Grundlagen für die Flugverbindung in Ordnung zu bringen.
Etwas ist offensichtlichschiefgelaufen. Selbst wenn Zürich dieses Jahr doch noch eine Direktflugverbindung nach Taipei ergattern sollte – sei es, weil Starlux Airlines die Stadt zu ihrer zweiten Destination in Europa erkürt, sei es, weill China Airlines und EVA Air, die sich schon in den 1990er Jahren um die Bedienung der Schweiz beworben haben, noch einmal bewerben sollten – bleibt doch der Makel, dass die Schweiz für Taiwan schon zum zweiten Mal «zweite Wahl» ist.
Unterstützung von Bundesrat Cassis für die Global Governance Initiative von Xi Jinping ausgerechnet am Nationalfeiertag der Republik China als mutmassliche Ursache für den Misserfolg der Schweiz
Dass die Schweiz im Bezug auf Direktflugverbindungen nach Taiwan auch 25 Jahre nach dem Ende der Swissair Asia vorerst ein Luftloch mitten in Europa bleibt, dürfte vor allem auf das Verhalten von Bundesrat Cassis zurückzuführen sein: Er hat sich im Rahmen der Einladung des Aussenministers der Volksrepublik China, Wang Yi, am 10. Oktober 2025 in Bellinzona als Anhänger der Global Governance Initiative von Xi Jinping «geoutet»: Die Schweiz «begrüsse» diese Initiative, sagte Cassis.
Von wem wird Xi Jinping und seine Initiative sonst noch unterstützt? Die Antwort ist klar: von Turkmenistan (1 von 100 Punkten auf dem Index von Freedom House), Nordkorea (3/100), Tajikistan (5/100), Weissrussland (7/100), Kuba (10/100), Iran (11/100), Venezuela unter Maduro (13/100), Laos (13/100), Congo (13/100) usw. Die Liste der Mitglieder Clubs der Friends of Global Governance1 ist weitgehend identisch mit denjenigen, die mit Menschenrechten und Demokratie nichts am Hut haben haben.
Oberstes Ziel der Initiative Xi Jinpings und ihrer Unterstützer: Einmischungen in das, was sie als interne Angelegenheit deklarieren, verhindern. Im Falle Taiwans heisst das konkret: die Annektion der Insel mit militärischer Gewalt – schliesslich, so die Leseart Xi Jinping, sei Taiwan seit Urzeiten Teil des Territoriums der Volksrepublik China gewesen. Dass bei Gelegenheit auch noch einige taiwanesische Spitzenpolitiker, die als Diehard Separatist gebrandmarkt wurden, ausgelöscht werden sollen, ist ein pikantes Detail.
Was die Schweiz unter den Unterstützern einer Initative eines Herrschers zu suchen hat, der offen militärische Gewalt gegenüber einem Nachbarland androht, und im Kreis anderer autokratischer und totalitärer Herrscher, die die Menschenrechte mit den Füssen treten, ist ein Rätsel.
Wang Yi, der «die Schweiz» am 10. Oktober 2025 in Bellinzona dafür belobigt hat, dass sie seit jeher die «Nationale Wiedervereinigung», spricht die Annektion Taiwans (auch mit militärischer Gewalt) «unterstützt» habe, hat mit seiner Behauptung nicht ganz Unrecht. Es ist zumindest eine naheliegende Auslegung der schriftlich dokumentierten Aussage, die Schweiz «begrüsse» die Global Governance Initiative von Xi Jinping. Bundesrat Cassis unterliess jedenfalls bisher jede Relativierung seiner Aussage, etwa im Sinne, dass die Schweiz Gewaltanwendung für die Erreichung des Ziels der «Nationalen Wiedervereinigung» nicht unterstütze.
Seine feindselige Haltung gegenüber der Republik China hätte der Schweizer Aussenminister kaum klarer zum Ausdruck birngen können. Solange er für die Anwendung militärischer Gewalt durch Xi Jinping und seine Gefolgschaft (wer immer das im Moment ist) gegenüber Taiwan plädiert, wird die Republik China, wie Taiwan strenggenommen heisst, kaum bereit sein, der Schweiz bezüglich der 1994/1995 getroffenen Vereinbarungen allenfalls notwendigen Änderungen2 entgegenzukommen.
Das schon aus sicherheitspolitischen Gründen: es müsste wohl geprüft werden, ob die Flugverbindung Schweiz–Taiwan zu militärischen Zwecken missbraucht, werden könnte, wenn die Schweiz die Volksrepublik China bei einem Angriff tatsächlich unterstützen würde.
Was bezweckt Bundesrat Cassis mit seinem Affront gegenüber Taiwan?
Ein Rätsel ist dabei, was Bundesrat Cassis zu seiner Aussage, er begrüsse die Global Governance Initiative von Xi Jiniping und dem damit verbundenen Affront gegenüber Taiwan bezweckt: Ging es nur darum, die Verhandlungen zur Direktflugverbindung «abzuschiessen», oder hatte er andere Motive?
Bundesrat Cassis kann sich weder bezüglich der Bedeutung von Phrasen wie «Nationale Wiedervereinigung» noch bezüglich der Bedeutung des Datums vom 10. Oktober, das er für sein drittes Treffen mit Wang Yi im Jahr 2025 gewählt hat, im Irrtum befunden haben: Als ehemaliger Vizepräsident der Délégation de Taïwan, Republique de Chine (der diplomatischen Vertretung Taiwans in der Schweiz), weiss er zweifellos, dass der 10. Oktober 2025 der Nationalfeiertag der Republik China ist.
Mit seiner Aussage bringt er zunächst die Délégation de Taïwan und dessen neuen Botschafter, Dr. Steve Wang, der erst seit August 2025 im Amt ist, in die Bredouille: Sie kann die Aussage kaum als blöden Irrtum abtun. Ob die Schweiz nun das Recht der Republik China, in der Schweiz eine Botschaft mit allen Rechten und Pflichten zu unterhalten, wie es sich aus dem Freundschaftsvertrag von 1918 ergibt, oder nicht: es handelt sich um einen der schwerwiegendsten diplomatischen Zwischenfälle seit der Aufnahme der (quasi-)diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Republik China 1912 (formelle diplomatische Beziehungen im Sinne der Akkreditierung eines entsprechend ausgebildeten Botschafters wurden seitens der Republik China allerdings erst 1918 und seitens der Schweiz erst 1946 aufgenomen).
Die Aussagen von Bundesrat Cassis vom 10. Oktober 2025 bringen aber auch die Volksrepublik China in Schwierigkeiten, nachdem die Direktflugverbindung Zürich–Taipei nun erst einmal gescheitert ist. Es entsteht der Eindruck, der «Verzicht» auf die Direktflugverbindung nach Taiwan sei der Preis, den die Schweiz bezahle, um Verhandlungen zur «Nachbesserung» des Freihandelsabkommens dürfen zu können.
Nachbarländer der Schweiz dürften sich ins Fäustchen lachen: Gottseidank hat die EU die Idee eines Freihandelsabkommens auf Eis gelegt und forciert stattdessen ein solches mit Taiwan! Zum Glück hat man die Schweiz als Versuchskaninchen vorgeschickt!
Das Freihandelsabkommen der Schweiz mit der Volksrepublik China hat der Eidgenossenschaft objektiv gesehen nicht nur ein gigantisches Handelsbilanzdefizit eingebracht (kumuliert von 2014 bis und mit 2025 sind es knapp CHF 30 Milliarden). Die Flughäfen in Milano, München, Frankfurt, Paris und sonstwo in Europa profitieren auch noch davon, dass taiwanesische Reisende nicht direkt in die Schweiz fliegen können.
Zur Verteidigung der Volksrepublik China ist zu sagen, dass keine Anhaltspunkte bestehen, dass die Volksrepublik China der Schweiz jemals verboten hätte, Direktflugverbindungen zu Taiwan zu unterhalten. Gewisse Rücksichtnahmen, wie den Verzicht auf Hoheitszeichen und auf die Bedienung direkt durch staatliche Fluggesellschaften (China Airlines und Swissair): Ja. Diese Bedingungen waren aber die gleichen wie in den anderen europäischen Ländern und sind heute obsolet.
Wieso also sieht sich Bundesrat Cassis heute genötigt, ausgerechnet am Nationalfeiertag der Republik China (Taiwan) seine Gefolgschaft gegenüber Xi Jinping zu erklären und damit die Direktflugverbindung Zürich–Taipei zu torpedieren, während die meisten europäischen Länder, die USA und Kanada, Ozeanien usw. und sogar die Volksrepublik China selbst inkl. Hong Kong und Macao3 schon seit Jahrzehnten ungestört Direktflugverbindungen nach Taiwan aufrecht erhalten? Und nicht nur das: fast alle anderen europäischen Ländern unterhalten enge bilaterale Beziehungen zu Taiwan und schliessen laufend neue Verträge ab, ohne dass das die Volksrepublik China gross kümmern würde.
Oder anders gesagt: Was veranlasst die Schweiz, sich bezüglich Taiwan ins eigene Fleisch zu schneiden? Über diese Frage wird schon seit Jahren gerätselt. So fragte z.B. Nationalrätin Aubry (FDP) in einer Seitzung der Ausenpolitischen Kommission im Februar 1995:
Récemment à Taiwan, j’ai constaté gue des accords bilateraux avaient été réalisés avec des délégations officielles belge et francaise. L’ASEAN est en plein développement, on a besoin de know-how. Ces délégations on fait peu de cas de ce que Chine pensait du continent. Quand la Suisse fera-t-elle le premier pas? Pourquoi la Suisse en est-elle encore à avoir des émotions et des restrictions alors que de nombreux industriels suisses sont représentés là-bas?
Bundesrat Delamuraz wusste keine rechte Antwort. Ihm konnten ja auch keine Vorwürfe gemacht werden, er würde von Kontakte mit Taiwan scheuen. Immerhin war er es gewesen, der – getarnt mit Strohhut und Sonnenbrille – im April 1991 am Flughafen Taipei seinen Amtskollegen Vincent Siew traf. Er bestätigte indirekt die Vermutung, die «Restriktionen» seien auf irrationale Gründe zurückzuführen: in der Schweiz seien halt manche Leute
«fasziniert von Peking wie die Wüstenspringmaus vor der Schlange.»
Die Volksrepublik China ist zugestandenermassen ein faszinierendes Land – so wie es die Republik China ist. Beide Staaten4 haben eine differenzierte Aussenpolitik verdient. Eine Wüstenspringmauspolitik, bei der man erst zuerst so tut, als wolle man mit den taiwanesischen Zivilluftfahrtsbehörden eine Einigung bezüglich der Wiederaufnahme der Flugverbindung zwischen Zürich und Taiwan anstreben5 und in hochfliegenden Tönen von der dortigen Demokratie spricht6, nur um wenige Monate darauf die Vernichtung Taiwans durch Xi Jinping und seine Gefolgsleute befürworten, zerstört jegliches Vertrauen in die Schweiz und ist nicht in deren Interesse.
- Der Club Friends of Global Governance, der weitgehend mit den Friends of Socialist China indentisch zu sein scheint, wurde von der Botschaft der Volksrepublik China bei der UNO in New York im Dezember 2025 gegründet. Ob die Schweiz bereits um formelle Mitgliedsschaft ersucht hat, ist nicht bekannt. ↩︎
- Namentlich stellt sich die Frage, wer eine neue Vereinbarung namens der Schweiz unterschreiben würde, wenn sich die Notwendigkeit ergeben würde. ↩︎
- Die erste der drei Flugverbindungen, die Starlux Airlines am 23. Januar 2020 aufnahm, war diejenige nach Macao ↩︎
- Es ist längst auch vom Bundesgericht anerkannt, dass die Republik China sämtliche völkerrechtlichen Voraussetzungen erfüllt, die einen Staat ausmachen. Ob und wann die Schweiz die Republik China «aberkannt» hat und welche Folgen dies gehabt hätte, ist eine Frage, die, die man auch im Interesse Aufrechterhaltung der Beziehungen zur Volksrepublik China besser unberührt lässt. ↩︎
- Am 14. Mai 2025 hat der Bundesrat angekündigt, es würde nach einer Lösung für die angeblich fehlenden Rechtsgrundlagen für die Flugstrecke zwischen der Schweiz und Taiwan gesucht. Dies setzt (wie schon zwischen 1992 und 1994) praxisgemäss Verhandlungen zwischen dem Eidgenössisches Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation UVEK bzw. dem Bundesamt für Zivilluftfahrt BAZL und der Civil Aviation Administration bzw. dem Verkehrsministerium Taiwans voraus, unabhängig davon, wer das resultierende Abkommen am Ende für die schweizerische und taiwanesische Seite unterzeichnet. ↩︎
- Wörtlich wurde in der G-20-Asienstrategie der Schweiz 2025-2028, die Bundesrat Ignazio Cassis verantwortet, geschrieben: «Die Schweiz anerkennt auch den demokratischen Charakter der taiwanesischen Behörden und Gesellschaft». ↩︎

