von Maja Blumer, 26. Dezember 2025
Am 31. Dezember 2025 kommt es in einem diplomatisches Generationenprojekt in der Schweiz zu einem vorläufigen Abschluss bzw. im besten Fall zu einem Neubeginn: In einer Lichtshow am Taipei 101 soll das Geheimnis gelüftet werden, welche europäische Stadt von der ersten Flugverbindung von Starlux Airlines nach Europa profitieren wird: London, Milano, Prag, Helsinki oder Zürich.
In London, das schon seit 1993 über Direktflugverbindungen nach Taiwan verfügt und derzeit von China Airlines und EVA Air bedient wird, dürfte man den Markteintritt von Starlux mit Gelassenheit entgegenblicken. Höchstens in Manchester wäre man vielleicht ein bisschen verärgert, dass man schon wieder nicht zum Zug kommt.
Dasselbe gilt für Milano. Dort dürfte es herzlich egal sein, ob die Strecke, die seit 2022 von EVA Air bedient wird, ganz oder teilweise von Starlux übernommen wird. Etwas düpiert wäre man höchstens in Venedig, das erst im März 2025 als dritte Option für die Flugverbindung Taiwan–Italien aufgenommen wurde, und allenfalls auch in Rom, wo im Juli 2025 das dreissigjährige Bestehen der Fluglinie von China Airlines gefeiert wurde.
Prag wird seit 2023 von China Airlines bedient. Auch dort dürfte es die meisten potentiellen Kunden wenig kümmern, ob sie nun in einem Flieger des einen oder anderen taiwanesischen Carriers nach Taipei gelangen.
Für mehr Aufsehen dürfte die Ankündigung einer Direktflugverbindung nach Taiwan in Helsinki sorgen. Zwar ist der dortige Flughafen gemessen am Passagieraufkommen nur etwa halb so gross wie der jenige in Zürich. Geografisch gesehen ist die finnische Hauptstadt aber buchstäblich an einer Pole Position für Verbindungen nach Ostasien, vor allem dann, wenn der russische Luftraum wieder uneingeschränkt beflogen werden könnte. Ein unbestreitbarer Vorteil ist auch, dass die finnischen Zivilluftfahrtbehörden und Politiker zusammen mit ihren taiwanesischen Kollegen in unaufgeregter Weise ein modernes Air Services Agreement (Luftfahrtsabkommen) zustande gebracht haben, das forthin als Modell für andere europäische Länder dienen könnte, die noch über kein Luftfahrtsabkommen mit Taiwan verfügen, aber gute Chancen haben, ebenfalls zum Zuge zu kommen (z.B. Dänemark, Schweden, Baltikum). Wenn das im Februar 2025 zwischen den Luftfahrtsbehörden Taiwans und Finnlands abgeschlossene Air Services Agreement innert wenigen Monaten in die Praxis umgesetzt würde, wäre das das Tüpfchen auf das i.
So sehr Finnland der Erfolg zu gönnen wäre, wenn Helsinki den Zuschlag für die erste Flugverbindung nach Taipei erhalten würde, so sehr dürfte in diesem Fall die Niederlage in der Schweiz schmerzen, die vor bald einem Vierteljahrhundert nicht nur ihre stolze Swissair verloren hat, sondern die Direktflugverbindung nach Taiwan gleich damit. Wohl nirgendwo auf der Welt haben sich so viele Bürger im Interesse ihres Landes über Jahrzehnte, ja Generationen hinweg für eine Fluglinie eingesetzt, wie für diejenige zwischen der Schweiz und Taiwan:
Allen voran ist Chang Kuo-wei zu nennen, der Gründer und Verwaltungsratspräsident von Starlux Airlines, die den Flughafen Zürich nun ganz offiziell in die engere Auswahl für ihre erste Destination in Europa aufgenommen hat. Dass dies ein Wagnis ist, zeigt sich daran, dass sich ein Vierteljahrhundert niemand getraut hat, über die zwischen Zürich und Taipei tatsächlich bestehende Flugverbindung auch nur zu sprechen, sieht man von einigen Avgeeks ab, die der «Whisky Golf» der Swissair Asia nachtrauerten, eine MD-11, welche eigens umbemalt wurde, um die Strecke nach Taipei ab 7. April 1995 bedienen zu dürfen, nur um 2005 als Frachtflieger verscherbelt zu werden.

Chang Kuo-wei ist der Erbe von Chang Yung-fa, dem Schifffahrtsmagnaten, der nicht nur Evergreen sondern auch EVA Air gegründet hatte. Chang Yung-fa hatte der Schweiz 1991 ganz offiziell ein Angebot gemacht: Zürich oder Genf hätte die erste Langstreckendestination von dessen EVA Air werden können. Im Bundeshaus in Bern fühlte sich niemand bemüssigt, auf das Angebot zu reagieren. Am 11. November 1991 eröffnete EVA Air stattdessen die erste Flugverbindung Taipei–Wien.
Dass dann im Januar 1995 doch noch die rechtlichen Grundlagen für die Direktflugverbindung Schweiz–Taiwan geschaffen wurden, welche ab 7. April 1995 durch die eigens gegründete Swissair Asia auch tatsächlich während sieben Jahren bedient wurde, war nicht zuletzt einer Vielzahl von Schweizer Bürgern und leitenden Angestellten von Schweizer Unternehmen zu verdanken, die sich als «Heimliche Handelsdiplomaten» betätigt haben. Viele Gespräche wurden z.B. durch die Far East Trade Inc. in Zürich eingefädelt. Dazu, dass diese «Inc.» seit ca. 1974 als quasi-Botschaft Taiwans funktionieren konnte, hatte ein damals in Taiwan ansässiger Schweizer einen wichtigen Beitrag geleistet – seine Tochter setzt sich heute für die Direktflugverbindung nach Taiwan ein. Ebenfalls eine Rolle spielt bis heute die Délégation de Taïwan, die unter anderem die Reisen von «gemischten Delegationen» organisierte, die u.a. 1992 und 1994 in Taiwan stattfanden. Mindestens eine Nichte und ein Neffe früherer Delegationsteilnehmer setzen sich heute wieder für die Direktflugverbindung nach Taiwan ein.

Wenn der Flughafen Zürich am 31. Dezember 2025 den Zuschlag für Direktflüge Schweiz–Taiwan erhalten würde, wäre das ein Sieg der Rechtsstaatlichkeit, indem das Vertrauen in die vom Schweizer Bundesrat gefassten Beschlüsse und die darauf beruhenden Verträge geschützt wird, namentlich in den vom Bundesrat am 26. September 1994 zur Direktflugverbindung Zürich/Genf–Taipei gefassten Beschluss sowie den mit Segen des Bundesrats von der Swissair Asia und der Taipei Airlines Association geschlossenen Vertrag.
Es wäre aber auch ein Sieg für eine weitere Generation von «Heimlichen Handelsdiplomaten», die sich in den letzten 25 Jahren allen Repressalien zum Trotz für die Verbesserung der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Beziehungen der Republik China eingesetzt hat.
Wie in den Neunzigerjahren wäre die Direktflugverbindung nach Taiwan erst der Anfang. Können die Schweizer Exporte nach Taiwan wie zwischen 1988 und 2000 verdreifacht werden? Verdoppeln sich die Zahlen von taiwanesischen Besuchern in der Schweiz wie zwischen 1990 und 1999? Eine Direktflugverbindung und eine Handvoll heimlicher Handelsdiplomaten allein dürfte (wie in den Neunzigerjahren) für einen nachhaltigen Erfolg der Direktflugverbindung nicht ausreichen. Aber es wäre ein Anfang.
Das Buch «Heimliche Handelsdiplomaten» von Maja Blumer, welches die Geschichte der rechtlichen und (quasi-)diplomatischen Beziehungen der Schweiz zur Republik China von 1912 bis heute beleuchtet, erscheint im Fajus Verlag voraussichtlich im März 2026.