Didi Delisting: Eine rechtliche Knacknuss (auch) für die Schweizerische Nationalbank? (Teil 1/3)

Nun ist es offiziell: Didi Global Inc. verlässt die New Yorker Börse. Die auf den Cayman Islands domizilierte Strohfirma der in Peking domizilierten Didi Chuxing Technology Co. galt als die chinesische Antwort auf Uber. Das IPO vor kaum einem Jahr war fulminant. USD 4,4 Milliarden schwemmte der Börsengang am 30. Juni 2021 in die Kasse – nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass Didi 2020 einen Nettoverlust von USD 1,63 Milliarden schrieb… Anfang Juli 2021 erreichte Didi Global das Kurshöchst von USD 18 pro «Aktie» (bzw. American Depository Receipt, ADR). Dann ging es sturzflugartig um 90% nach unten. Im Mai 2022 erreichte der Aktienkurs von Didi Global Inc. den vorläufigen Tiefstand von USD 1.37. 

Vielleicht doch lieber mit dem Velo statt mit Didi Global Inc.? Dekoration auf dem Platz des himmlischen Friedens anlässlich der Sommerolympiade in Beijing 2008. (Bild: Privat)

Der Grund für das Debakel

Die Gründe für den Börsenkurszerfall liegen noch weitgehend im Dunkeln. Dass die chinesischen Behörden zwei Tage nach dem Börsengang eine Untersuchung hinsichtlich der Verletzung von Bestimmungen des Datenschutzes durch das chinesische Mutterhaus von Didi Global Inc. einleitete, war natürlich nicht gerade hilfreich. Und auch nicht, dass Didi im Dezember 2021 ankündigte, man wolle die Aktien lieber in Hong Kong statt in den USA kotieren. Und noch weniger, als die amerikanische Börsenaufsicht SEC im Mai 2022 ankündigte, das IPO von Didi werde strafrechtlich untersucht. Und falls das noch nicht genügt hat, erschien Didi Global Inc. im Mai 2022 auch auf der definitiven Liste von chinesischen Unternehmen, welchen bereits 2023 unter dem Holding Foreign Companies Accountable Act die Verbannung von der amerikanischen Börse droht, wenn sie den Vorschriften des SEC zur Offenlegung der Bilanzierung nicht genügen.

Etwas klarer sind die Gründe für das Delisting. Die Volksrepublik China machte seit langem klar, dass ihr die Börsengänge in den USA oder selbst in Hong Kong ein Dorn im Auge sind. Spätestens seit dem abgebrochenen Börsengang von Ant Financial (dem Finanzarm von Alibaba) musste das jedem klar sein. Auch die Offenlegung von Finanzzahlen entsprechend den Gepflogenheiten der westlichen Finanzplätze sind mit den Vorstellungen von Unternehmensführung im Reich der Mitte nicht vereinbar. Die chinesische Regierung machte dann auch keine Anstalten, den in den USA kotierten chinesischen Unternehmen unter die Arme zu greifen, um der bereits erwähnten Verbannung von der amerikanischen Börse durch das SEC entgegenzuwirken. Die Frage für Didi war damit eigentlich nur noch: freiwilliges Delisting jetzt oder zwangsweise Verbannung aus den USA einige Monate später? Didi entschied sich für ersteres.

Wer profitierte?

Profitiert haben vom IPO auf den ersten Blick die «Sponsoren», SoftBank, Uber und Tencent, welche vor dem IPO die grössten Anteile an Didi hatten. Sie konnten ihre Investments versilbern, wahrscheinlich wohl wissend, dass die ADR nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt sind (oder, im Zeitalter der Digitalisierung, den Datenträgers auf dem sie gespeichert sind).

Was wir nicht wissen: haben auch Insider Kasse gemacht, welche von den bevorstehenden Untersuchungen durch die chinesischen Behörden wussten?

Vom Delisting profitierte vorab das chinesische Mutterhaus von Didi Global Inc., Didi Chuxing Technology Co. Die chinesischen Behörden gaben bekannt, die Untersuchung werde eingestellt, Didi kann in China seine Geschäfte – vorbehältlich der Lockdowns – wieder aufnehmen. Ob die ausländischen Aktionäre etwas davon haben, ist eine andere Frage, den via die American Depositary Receipts (ADR) sind sie nur sehr indirekt am Erfolg des chinesischen Geschäfts beteiligt.

Wer verlor?

Wie üblich verloren die üblichen Verdächtigen: Wallstreetbets-Anhänger, welche noch im Frühjahr 2022 in ihren Reddit-Foren verkündeten, die ADR von Didi Global würden sich dank Präsident Xi Jinping persönlicher Intervention erholen. 

Über einen Akteur an der Wall Street, der in letzter Zeit grössere Verluste einstreichen musste, spricht man dagegen wenig: Die Schweizerische Nationalbank (SNB), welche sich in den letzten Jahren zu einem der grössten Quasi-Staatsfonds der Welt aufgeschwungen hat. Alleine an den US-Börsen verwaltete die SNB zuletzt ein Portefeuille von USD 177’341’739’000. Macht pro Kopf rund CHF 20’000 für jeden Einwohner der Schweiz oder (analog Norwegen) unter Ausschluss der ausländischen Bevölkerung rund CHF 28’000 pro Schweizerbürger. 

Wie viel Geld die SNB im Fall von Didi in den Sand gesetzt hat, ist nicht restlos klar. Bekannt ist aus den 13F-Filings bei der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, dass die SNB ihre Anteile an Didi im 1. Quartal 2022 um 30% von 709’132 auf 496’232 Aktien reduzierte. Aufgrund des Börsenkurszerfalls in dieser Zeit sank das Gesamtengagement um 65% von USD 3’531’000 auf 1’241’000. Ebenfalls bekannt ist, dass die SNB erstmals im 3. Quartal 2021 710’432 Anteile an Didi kaufte. Die Frage ist bloss: kaufte die SNB gleich zu Beginn zum Maximalpreis von USD 18, oder Ende des Quartals, als der Kurs schon auf USD 7.80 gesunken war? Und für die im 1. Quartal 2022 veräusserten Aktien stellt sich die gleiche Frage: wurden die Anteile gleich zu Quartalsbeginn für USD 5 abgestossen, oder zu Quartalsende für den halben Preis verhökert? Unter dem Strich dürfte von den bis zu USD 12’787’776, welche die SNB in Didi «investiert» hat, nach dem Delisting nicht mehr allzu viel übrig bleiben.